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was ist kunst?

E I N L E I T U N G

Tja also ... hallo und so. Im vorliegenden Aufsatz (nennen wir ihn mal ein "Thesen-blatt") werde ich versuchen, die Geschichte der modernen Kunst und die damit immer verbundene Frage WAS IST KUNST von verschiedenen Seiten zu durch-leuchten (so gut mir das möglich ist): Von i) der subjektiven Sicht des aktiven Künst-lers, von ii) objektiver kunstgeschichtlicher Seite, und von iii) philosophischer, bes-tenfalls logischer Seite. Wenn Sie nun sagen, dass Logik in der Kunst nichts verloren habe, kann ich nur bedingt Recht geben, denn selbst innerhalb des Kunstschaffens könnte man durchaus ein Werk konzipieren, das sich entweder a) mit dem Thema Logik auseinandersetzt, oder das b) in irgendeiner Form vorsätzlich logisch aufge-baut/strukturiert ist. Aber grundsätzlich stimmt das schon: Logik und Kunst sind zwei ganz verschiedene Pflaster. Ich möchte aber gar nicht das für dieses Skriptum weniger interessante Thema LOGIK IN DER KUNST strapazieren, sondern nur mal prüfen, ob ich als aktiver Künstler es schaffe, aus meiner künstlerischen praktischen Erfahrung vermischt mit Philosophie und Kunstgeschichte (also Theorie) ÜBER-HAUPT irgendetwas Logisches in unserer Sprache über Kunst auszusagen (etwas, das somit für alle Menschen gleich gültig ist, im besten Fall unabhängig von unserem subjektiven Empfinden). Gibts sowas? Mal schauen.

Zuerst noch eine Klarstellung:

Die Frage WAS IST KUNST kann man (zumindest) zweierlei auffassen:

a) Konkret: Was versteht man unter dem “Begriff” Kunst?

b) Alltagssprachlich: Welche “Gegenstände” fallen unter den Begriff Kunst?

Ich werde mich in diesem Aufsatz vornehmlich mit Punkt b auseinandersetzen, aber auch a berücksichtigen!

Nun: Die Frage WAS IST KUNST ist natürlich eine philosophische Frage. Also, vorweg mal: Was bedeutet das Wort "Philosophie" überhaupt? Es setzt sich aus den

griechischen Worten philos und sophia zusammen: "Philos" heisst Liebhaber und "sophia" ist die Weisheit. "Die Liebe zur Weisheit" oder auch "die Liebe zum Wissen" ist also gemeint. Sehr oft wird das Studium der Philosophie verwechselt mit einem Studium der "Geschichte der Philosophie". Das wäre aber ungefähr so, als würde man eine Bäckerlehre verwechseln mit einer Lehre, in der nur die "Geschichte der Bäckerei" gelehrt wird. Die Geschichte der Bäckerei mag ja ein Randthema in einer Bäckerlehre sein, wer weiß, mehr aber nicht, da der angehende Bäcker natürlich ganz andere Aufgaben zu bewältigen hat, Brotbacken und so. Ebenso in der Philo-sophie: Die Geschichte der Philosophie ist in einem Philosophiestudium nur ein Randthema. Es ist sicherlich ein wichtiges Randthema, um zu erfahren, wie frühere Philosophen dachten und auf welchen Wurzeln die heutige, moderne Philosophie aufgebaut ist. Die tatsächlich notwendigen Hauptbausteine in der Auseinander-setzung mit (bzw. im Studium) der Philosophie sind aber:

1) Logik Ein ernsthaftes Philosophiestudium und -verständnis ist nur möglich für jemanden, der vorweg auch Logik studiert hat.

2) Wissenschaftstheorie - enge Kommunikation mit den Naturwissenschaften

3) Erkenntnistheorie

4) Ethik

5) Metaphysik

+ Geschichte der Philosophie

Eine der Hauptaufgaben der modernen Philosophie ist es, sich im logischen Sinne ausschließlich an tatsächlichem Wissen zu orientieren und solches zu vermitteln. Etwas zu "glauben" hat in der Philosophie nichts verloren, es geht um "wissen" (man beschäftigt sich aber von wissenschaftlicher Seite her in der Metaphysik auch mit Glaubensfragen). In diesem fortgeschrittenen, philosophischen Verständnis für un-sere Welt ist zum Beispiel nach heutigen Erkenntnissen der von Laien ständig zitierte Satz “Ich denke, also bin ich!” (cogito ergo sum) von René Descartes (1596-1650) falsch. Es müsste richtig natürlich heißen “Ich denke, also ist etwas!” Aber ich schweife ab ...

Ein wichtiger Randbereich, mit dem sich die Philosophie ebenfalls auseinandersetzt, heisst "Kunstphilosophie und Ästhetik", den ich bei meinen Studien als Schwerpunkt behandelt habe. Im vorliegenden Thesenblatt werde ich versuchen, mit einfachen Mitteln, Beispielen und Gleichnissen einige philosophische Ansätze zur Frage-stellung WAS IST KUNST verständlich zu vermitteln, die - im besten Fall - “objektiv” für alle Menschen gleich gültig sind und von privaten, subjektiven Vorstellungen (Glauben, Einbildung, persönlichen Ideen und Erfahrungen) so gut wie möglich Abstand nehmen. Ich werde versuchen, meine eigene, persönliche Meinung im Zaum zu halten. Sie werden also weniger vom Künstler Herrmann mit seinen konfusen subjektiven Ideen zugeschüttet, sondern eher über Ansätze informiert, die sich philosophisch zur vorliegenden Frage stimmig aussagen lassen (könnten).

Nun werden Sie sich fragen: Ja, kann man denn überhaupt irgendetwas Objektives über ein so sensibles Thema wie WAS IST KUNST aussagen. Ja, man kann! Dafür möchte ich zuerst erklären, was man unter objektiven, subjektiven, und unter intersubjektiven Kriterien versteht:

a) Objektive criteria:

Gibt es denn solche überhaupt, Kunstfragen betreffend? Ja, es gibt sie und es ist ganz simpel: Speziell die Kunstgeschichte setzt sich großteils mit objektiven, die Kunst betreffenden, Kriterien auseinander, zum Beispiel: Von wem wurde ein Kunst-werk geschaffen, in welchem Jahr, in welcher Epoche, eventuell an welchem Tag, in welcher Phase des Künstlers, welche Ausmaße hat das Werk (wie groß ist es), auf welchem Material/mit welchen Materialien wurde es geschaffen, welche inhaltliche Aussage hat das Werk (oder: hat es eine inhaltliche Aussage?), hatte es Einfluß auf andere Künstler oder Kunstabschnitte, gab es das Malmaterial zu Lebzeiten des Künstlers schon (z.B. C14-Methode zur Überprüfung der Authentizität) und so weiter.

Konsens: Über echte objektive Aussagen kann nicht gestritten werden.

Überlegungen dazu später (siehe Punkt 1. KUNSTGESCHICHTLICHES) ...

b) Subjektive criteria:

Mit subjektiven Aussagen sind wir tagtäglich konfroniert - durch unsere Mitmenschen und durch uns selbst. Salopp gesagt: Wir geben ständig und überalll "unseren Senf" dazu, oft sogar, ohne mit dem Thema näher befasst zu sein oder ohne viel darüber zu wissen ... wir sagen halt, was wir uns “gerade denken”. Insbesondere bei einer so schwierigen Frage wie WAS IST KUNST prallen dann gern die Gemüter aufeinander, da ein jeder glaubt, dass speziell das Kunst sei, was er selbst sich zu diesem Thema gerade denkt. Es fällt aber sofort auf, dass da etwas nicht stimmen kann, denn jeder kann nicht Recht haben. Wenn ein Diskussionspartner behauptet "des is jo koa Kunst" und ein anderer dasselbe Objekt als sein "Lieblingskunstwerk" preist, wer hat dann Recht? Kann man überhaupt Recht haben, in einer solchen Frage? Oder hat gar keiner Recht? Oder beide?

Konsens: Subjektive Aussagen führen oft zu Streitgesprächen.

Ich kann gleich vorgreifen: Subjektive Aussagen haben in einem ernsthaften Kunstgespräch NICHTS, ÜBERHAUPT NICHTS verloren! Dazu später (siehe Punkt

2. KUNST UND SUBJEKTIVITÄT) ...

c) Intersubjektive criteria:

Hier bewegen wir uns nun stark im philosophischen Bereich. Was soll das wohl heissen, intersubjektive Kriterien? Will man uns jetzt wischi-waschi irgendetwas einreden, das sich in der Grauzone zwischen objektiv und subjektiv bewegt? Nein, ganz und gar nicht. Tatsächlich handelt es sich bei intersubjektiven Aussagen um sehr objektives Wissen, das aber nicht so schnell verständlich ist wie zum Beispiel der objektive Satz: "Das Bild ist 120cm mal 80cm groß!". Unter intersubjektiven criteria versteht man Aussagen, die für jedermann verständlich und einsichtig sind, wenn man sich nur eingehend damit auseinandergesetzt hat (beziehungsweise, wenn es eingehend auseinandergesetzt wurde ... knuff, puff, zack ... just kiddin´).

Konsens: Intersubjektive Aussagen führen zu Beginn eines Gespräches gerne zu Konfrontationen, nach genauer Auseinandersetzung mit der Fragestellung sollten aber am Ende des Gesprächs alle Konflikte ausgeräumt und die Fragen aller Teilnehmer beantwortet sein. Auch dazu komme ich später (siehe Punkt 3. KOMMT KUNST VON KÖNNEN?) ...

In meiner Schrift geht es also weniger darum, Ihnen meine persönliche Meinung über Kunst, die nicht mehr oder weniger wichtig ist als die irgendeines anderen Kunstrezipienten, zu vermitteln. Es geht schlicht und einfach darum aufzuzeigen, welche einfachen, für jedermann gültigen und verständlichen Aussagen und Überlegungen zum Thema WAS IST KUNST von philophischer, kunstgeschichtlicher und vielleicht sogar psychologischer Seite sich erarbeiten lassen. Ich agiere hier also in der Funktion des Mittlers zwischen Theorie und Praxis, natürlich mit meinen eigenen Worten und teils auch mit meinen eigenen Ideen ... dadurch bekommt die Sache zwar die sanfte Färbung meiner künstlerischen Erfahrung, bleibt aber bestenfalls philosophisch (überraschen wird diesbetreffend vielleicht, dass ich am Ende des Skriptums Kunstverständnis mit Beispielen aus der Welt des Sports zu illustrieren versuche).

Das spezielle Anliegen dahinter, das es mir wichtig erscheinen lässt, mich in dieser Form zum Thema zu äussern, ist folgendes: Ich bin zwar Künstler, hasse aber grundsätzlich das, was man allgemein "Kunstszene" nennt. Mit der Verkäuflichkeit von Kunst ist im Laufe der letzten Jahrzehnte eine Kunstlandschaft gewachsen, der ich keine Sympathie entgegenbringen kann und will. Ein selbstgefälliger Wirt-schaftszweig (ich nenne es "parasitäre Kunstperipherie") ist herangewachsen, der die Kunst immer weiter vom Verständnis des normalen, ungeübten Betrachters entfernt, und sie in elitärem Sinne als "erhabenes Gut" fortschreitend unver-ständlicher (auch unerschwinglicher) macht. Dadurch wird eine Zuwendung zur Kunst für eine breite Schicht Menschen erschwert und es ist kein Wunder, dass das Interesse an leichter verständlichen Dingen (z.B. Sport) unvergleichlich höher ist: Es wird einfach verabsäumt, ein breites Verständnis für den Begriff "Kunst" zu vermitteln. Ich persönlich lebe als Künstler, der sich selbst organisiert und der sich von dieser Kunst- und Galerieszene so gut wie möglich fernhält, da es mir wichtiger ist, mich philosophischen Inhalten zu widmen, als mich in einer Welt bewegen zu müssen, in der Kunst nur mehr a) als Mittel gesehen wird, so schnell wie möglich so viel “Kohle” wie möglich zu machen, oder in der b) Kunstwerke in der Diskussion bis in den Zenit der Unverständlichkeit verklärt werden. Selbsterkorene Galeristen agieren, von der Kunstszenerie und ihren gesellschaftlichen Möglichkeiten magisch angezogen, respektlos auf dem Rücken der Künstler und vergessen dabei, dass es ihren Berufsstand ohne Künstler gar nicht gäbe. Künstler können durchaus auch ohne Galeristen und sonstiges anhängiges Vertretervolk weiterleben (sie müssen ihre Arbeit dann halt selbst verkaufen). Der Galerist hingegen müsste sich ohne Künstler etwas anderes zum Verkaufen suchen (Staubsauger, etc.) ...

Weiters passiert auch nicht selten, dass Diskussionsteilnehmer in Kunstforen oder auch Eröffnungsredner bei Ausstellungen ein dermaßen unverständliches Gewäsch bezüglich Kunst von sich geben, dass keiner der Anwesenden auch nur ein Wort davon versteht. Es kommt mitunter sogar vor, dass diese Worte und Sätze TAT-SÄCHLICH nichts bedeuten, keinen Inhalt haben, sodass der Vortragende eigentlich nur zeigen will, wie gut sie/er mit Worten jonglieren kann und sich darauf verlässt, dass keiner der Anwesenden merkt, dass gar keine Inhalte vermittelt werden. Stellen Sie sich mal vor, ich würde in diesem Thesenblatt mit Sätzen "auftrumpfen" wie zum Beispiel:

"Lieber Rezipient/Leser: Glauben Sie, dass man (wissenschaftstheorie-intern, natürlich) ein deduktives System der Bewährung aufstellen kann, das sich im Popper´schen Sinne so verkleidet (das kleine Teufelchen), als würde es sich in induktiver Richtung bewegen? Und kann man (natürlich nur gegebenenfalls) ein solches System struktural auf andere Theoriebereiche, wie zum Beispiel Kunst-theorien, umlegen, besser gesagt: abbilden?"

Na? Wie lange würden Sie dann noch weiterlesen, in diesem Thesenblatt? Sie würden es ganz schnell in Ablage 17 (Mülleimer) geben und wieder Fußball schauen oder sich anders beschäftigen, richtig? Und ich hätte dann wieder mal bewiesen, wie elitär der Umgang mit Kunst ist, da die Kunstdiskussion doch für kaum jemanden verständlich ist. Was für ein unglaublicher Quatsch!!! Tatsächlich habe ich den obigen Satz jetzt gerade erfunden und müsste mich erst mal selbst intensiv mit der Frage auseinandersetzen, ob er irgendeinen sinnvollen Inhalt birgt. Irgendwann wür-de mich dann wahrscheinlich ein befreundeter Kollege anrufen und mich fragen, ob der Satz denn überhaupt was bedeutet. Solange Kunstdiskussionen auf diesem (fraglich-hohen) Niveau geführt werden, wird man das breite Interesse für Kunst nicht schüren, eher das Gegenteil bewirken.

Ich möchte mit diesem Thesenblatt deutlich machen, wie wichtig Kunst (Kultur) für alle Menschen ist, auch für jene, denen der Zugang bisher erschwert wurde. Ebenso wie die Naturwissenschaften und die Philosophie, hat auch Kunst die Aufgabe, unseren Horizont zu erweitern. Kultur macht uns nun mal zum Menschen, der sich vom Tier, das "nur" frisst, wohnt, schläft und sich vermehrt, unterscheidet. Ob der Mensch sich allerdings überhaupt vom Tier unterscheidet oder das höchstentwickelte Tier ist (wenn überhaupt), wäre eine gänzlich andere Diskussion. Lassen wir bitte obigen Satz mal so stehen ...

An meinem Tonfall im letzten Kapitel erkennen Sie, wie sehr mich falscher, res-pektloser Umgang mit Kunst ärgert und betroffen macht. Lesen Sie hiezu am Besten einen Text von Prof. Dr. Otto Neumaier, Institut für Philosophie, Universität Salzburg, der sehr klar verdeutlicht, wie wenig der ökonomische Umgang mit Kunst an sich und Kunstverständnis zu tun hat. Sie finden den Text mit dem Titel OTTO NEUMAIER: THE FINE HEARTS, VORWORT unter TEXTS auf meiner website!

Wer ernsthaft Kunst schafft, liebt Kunst. Mit Gepose hat das nichts zu tun. Das übliche Gepose auf Vernissagen, in Szene-Lokalen, bei Bankjubiläen, bei diversen Eröffnungen oder auch auf Gruppenbildern nebst Bürgermeistern in diversen Adabei-Glossen hat mit Kunst absolut nichts zu tun. Hier sucht sich nur die armselige Gepose-Gesellschaft eine Plattform zum Posen eben, sei´s am einen Tag auf einer Kunst-Vernissage oder am anderen bei der Eröffnung einer Metzgereifiliale. Hauptsache, adabei ... blödsinnig gelächelt und Sekt in der Hand.

Ich freue mich, wenn ich es mittels des vorliegenden Thesenblattes schaffe, mit einfachen Tatsachen, Beispielen und Gleichnissen (und ohne "künstlich" aufge-bauschte Worte) dem Einen oder Anderen einen neuen Zugang zum Verständnis für Kunst abseits der üblichen Oberflächlichkeiten und Überheblichkeiten zu eröffnen, beziehungsweise Wege aufzeigen kann, wie man an die Frage WAS IST KUNST sinnvoll herangehen könnte.

Also los: WAS IST KUNST? IST KUNST WAS?

Viel Spaß!

1) KUNSTGESCHICHTLICHES

Wie bereits in der Einleitung angesprochen haben wir es im Wissenschaftszweig Kunstgeschichte vorrangig mit den OBJEKTIVEN KRITERIEN in der Kunst zu tun, sprich:

* Name des Künstlers * Biografie des Künstlers

* Jahreszahl (auch Tag) der Entstehung des Kunstwerks * Epoche

* Name der Schaffensphase * Länge, Breite, Höhe * Arbeitsmaterial/ien

* inhaltliche Aussage * Einfluß auf andere Künstler oder gar Kunstabschnitte

* Signierung * wissenschaftliche Tests * und so weiter ...

Ich werde mich an dieser Stelle ein bisschen der Geschichte der Kunst widmen, einfach um eine Basis für das Verständnis zu bauen, warum denn die Frage WAS IST KUNST / IST DAS ÜBERHAUPT NOCH KUNST gerade heute in der Moderne, Post-moderne und Post-Postmoderne (usw.) der Entwicklung der Kunst für so viele Menschen wichtig und schwer beantwortbar ist. Warum stellt sich diese Frage denn überhaupt? Warum taucht sie immer wieder auf? Warum ist "moderne", heutige Kunst oft schwer verständlich? Warum wird sie oft abgelehnt? Warum hört man immer wieder Sätze wie: DAS IST JA KEINE KUNST! DAS KANN ICH AUCH ... DAS KANN JA JEDER!? Warum wird heutige Kunst von vielen Menschen schwerer angenommen als gegenständliche, real-abbildende Kunst früherer Zeiten? Die Sätze WAS IST SPORT oder DAS IST JA KEIN SPORT höre ich dagegen nie. Warum fällt zum Beispiel beim Thema Sport die Definition soviel leichter? Tja, da muß ich kunst-geschichtlich ein bisschen ausholen, um dann später (bei den Punkten 2 und 3) konkreter und hoffentlich intersubjektiv auf obige Frage- und Problemstellungen einzugehen.

GESCHICHTE DER KUNST / WICHTIGE STATIONEN:

Kunstwerke der Architektur, der Bildhauerei, der Ornamentik und der Malerei reichen bis in die Antike und darüberhinaus. Und auch philosophische Überlegungen zum Thema Kunst haben eine Geschichte, die zumindest 2500 Jahre alt ist. Die Frage WAS IST DENN NUN WIRKLICH (NOCH) KUNST stellt sich aber vermehrt erst seit der Mitte des 19. Jahrhunderts. Warum ist das so?

Wenn wir die Kunst des letzten Jahrtausends betrachten, dann fällt sofort auf, dass ein großer Teil (eigentlich der größte Teil, fast alles) der bekannten Kunstwerke Auftragswerke waren, die von weltlichen Fürsten oder Männern des Clerus bei Künstlern in Auftrag gegeben wurden. Es war wenig Freiraum für Kreativität, oder wollen wir es mal "befreite Kreativität" nennen. Tafelbilder (also von der Wand abnehmbare Bilder) können wir bis circa. 1200 a.d. rückverfolgen (Giotto). Davor war die (Bildnerische) Kunst auf Skulpturen, Architektur, Ornamentik und Wandmalerei beschränkt. Vorläufer der Tafelbilder waren kleine Heiligenbildchen auf Holz- und Steinplatten und illustrierte Bibelgeschichten, die es den Menschen ermöglichten, ihre Heiligen mit nach Hause zu nehmen. Ich konzentriere mich hier deswegen auf die Malerei und die Tafelbilder im Speziellen, weil es mir als die beste Basis erscheint, um die Entwicklung moderner Kunst und die daraus entstandene Frage WAS IST KUNST deutlich zu veranschaulichen (blah blah blah ... der eigentliche Grund ist, dass ich mich da am besten auskenne ..)

Was also wollten die Königinnen, die Kaiser, die Fürsten, die Kardinäle, die Bischöfe etc. von den Künstlern haben? Sie wollten gegenständlich-reale Darstellungen von Herrschaftshäusern, Anwesen, Landschaften, Fuchsjagden, Bibelszenen, Portraits, Familienaufstellungen, Apotheosen, usw.. Die Betonung liegt hier auf dem Wort GEGENSTÄNDLICH-REAL. Es war dem Künstler nicht freigestellt, bei der Abbildung des Portraits einer Fürstengattin, eines herrschaftlichen Landsitzes oder bei der Bemalung der Wände einer Kathedrale mit Bibelmotiven seiner Fantasie vollkommen freien Lauf zu lassen. Die Vorstellungen der Auftraggeber waren klipp und klar vorgegeben, die Abbildung musste so naturgetreu wie möglich erfolgen (was natürlich auch zu Auseinandersetzungen führen konnte ... schließlich waren die Auftraggeber ja auch die Geldgeber, die diese Künstler ernährten). Über viele Jahrhunderte waren Künstler also nichts anderes als Auftragsnehmer, die von ihren Auftragsgebern abhängig waren. Leonardo Da Vinci, Michelangelo, Dürer, Rem-brandt ... Auftragsempfänger. Die Kreativität der Künstler war insbesondere im Mittelalter (bis in die Neuzeit herein) vollkommen "eingekerkert", beschnitten. Eine "Befreiung" der Kunst war (noch) nicht möglich. Ich möchte hier nicht verabsäumen darauf aufmerksam zu machen, dass es Ausnahmen gab: Hieronymus Bosch ließ zum Beispiel bereits um 1500 riesige Erdbeeren im (Gemälde-)Raum schweben, während Giuseppe Arcimboldo im 16. Jahrhundert durch Portraits beeindruckte, die er aus verschiedensten Materialien komponierte, vorrangig Obst und Gemüse. Dies erscheint umso bedeutender, dass wir hier von einer Zeit sprechen, in der sogenannten "abartigen" Denkern (mit Ideen, die nicht mit unserer bekannten Realität harmonierten) auch schon mal der Scheiterhaufen drohte.

Wie kam es aber zur vollkommenen Befreiung der Kunst? Was waren die wichtigsten Schritte zur Befreiung von gegenständlicher, real abbildender, oft inhaltsfreier Auftragskunst bis hin zur freien Entfaltung, zur "befreiten" Kreativität, die es den Künstlern erlaubte, ohne jegliche Grenzen zu agieren? Warum gibt es gegen-standslose Schüttbilder, die scheinbar jeder produzieren kann? Warum sind die-selben darüberhinaus mitunter auch noch teuer? Warum wird heutzutage vor Salz-burgs ehrwürdiger Kulisse eine Skulptur aufgestellt, die sich selbst in den Mund pinkelt? Warum verursacht das einen Aufruhr? Oder war es gar der Grund für diese Aufstellung, einen solchen Aufruhr herauszufordern?

Der erste und tiefste Einschnitt, der die Entwicklung moderner Kunst ermöglichte und sie vom Auftragsdienst befreite, war die Entwicklung der ... Fotografie:

FOTOGRAFIE

Die Anfänge der Fotografie fallen in jene Zeit, als in der Malerei praktisch alle technischen Probleme zur vollkommenen Wiedergabe der Realität gelöst waren. Die Perspektive, das Licht- und Schattenspiel, die Anatomie des Menschen, all´ das war Mitte des 19. Jahrhunderts kein grundsätzliches Problem mehr, war lediglich den individuellen Fähigkeiten des jeweiligen Künstlers unterworfen. Damit war es prak-tisch möglich, die Natur in ihrer gesamten Vielfalt perfekt abzubilden.

Anfangs war die frühe Fotografie in ihren Möglichkeiten im Vergleich zur Malerei wesentlich eingeschränkter. Extrem lange Belichtungszeiten schlossen bewegte Motive (Menschen, Tiere, Fahrzeuge usw.) weitgehend aus, und darüberhinaus war an Farbfotografie noch nicht zu denken. Das Auflösungsvermögen (Schärfe und Kontrast) konnte bei weitem nicht unseren heutigen Ansprüchen entsprechen. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts entdeckten Wissenschafter die Lichtempfindlichkeit der Silbersalze. Entsprechende Beleuchtung färbte Silberchlorid schwarz und mit Ammoniak war ein geeignetes Fixiermittel gefunden. Bald darauf entdeckte man Silberjodid und Silberbromid. Der Chemiestudent T. Wedgewood experimentierte schon 1790 mit lichtempfindlichen Stoffen, mit denen er versuchte, die Bilder der Camera obscura festzuhalten. Obwohl diese Versuche scheiterten, fand Wedgewood eine Methode, Blätter, Insektenflügel u.ä. kameralos abzubilden. 1839 hatte L.J.M. Daguerre (www.daguerre.de) das erste praktikable fotografische Verfahren ent-wickelt, das nach ihm Daguerreotypie genannt wurde. Zu dieser Zeit sagten Daguerre und Kollegen selbstgefällig das Ende der Malerei voraus, da diese von der Fotografie abgelöst werden würde. Es sollte aber nicht das Ende der Malerei sein, sondern nur das Ende jener Malerei (Kunst), wie sie bis dahin "gehandhabt" wurde, das Ende einer Phase, sozusagen. Die Entwicklung der Fotografie war nicht das “Ende der Kunst”, sondern die Wiege bzw. der Auslöser moderner Kunst, da die gegenständliche Abbildung (bisher Kunstaufträge) von ebender Fotografie abgelöst wurde und die Kunst selbst sich plötzlich frei bewegen und ihre bisherigen Grenzen überschreiten durfte.

ENTWICKLUNG DER MODERNEN KUNST

Ich möchte hier ein paar sehr wichtige Einschnitte in der Entwicklung der modernen Kunst stichwortartig aufzählen. Diese Aufzählung erhebt überhaupt nicht den Anspruch, komplett oder objektiv zu sein, da sie von mir selbst zusammengestellt ist. Natürlich gibt es noch viele andere, wesentliche Entwicklungsschritte. Die nachfol-genden erscheinen mir persönlich als die hervorstechendsten, wobei ich am Beispiel des Impressionisten Monet zeigen möchte, wie sehr sich die Entwicklung moderner Kunst auch auf unseren Wahrnehmungsapparat auswirkt(e):

Impressionismus

Wir alle kennen die verwaschenen, “weichen” Bilder, die von den großen Impressionisten gemalt wurden. Speziell die Seerosen- und Heuhaufenbilder von Claude Monet (www.fondation-monet.com) drängen sich sofort auf. Aber ist uns wirklich bewusst, wie einschneidend wichtig dieser anfängliche Schritt weg von realistischer Darstellung war? Wie sehr dies unseren Horizont erweiterte? Mitte des 19. Jahrhunderts wurden diese heutzutage respektierten Bilder von der Allgemein-heit ebenso angeklagt, wie heute zum Beispiel ein urinierender Phallus vor dem Salzburger Festspielhaus. Der Künstler sei verrückt, er sehe nicht gut, er kann nicht malen, was sollen denn diese Bilder überhaupt darstellen(?). Tatsächlich war das Gehirn des Menschen zu dieser Zeit noch nicht geschult, Bilder, die die Realität ver-zerrten oder abstrahierten, zu verstehen. Das menschliche Auge, das bis zu diesem Zeitpunkt nur reale Abbildungen gewohnt war, konnte diese Seerosenbilder nicht als Seerosenbilder erkennen, nur als verwaschene Farbflächen. Heute finden wir im-pressionistische Bilder im Supermarkt auf jeder zweiten Damenbindenschachtel und jeder von uns - auch kleine Kinder - erkennen die Seerosen darauf als Seerosen an. Das bedeutet, dass die Impressionisten (in diesem Falle Claude Monet) der Mensch-heit halfen, ihren Wahrnehmungsapparat (unseren Horizont) zu erweitern. Und jegliche Erweiterung unseres Horizontes, sei sie philosophischer, naturwissen-schaftlicher oder - wie in diesem Falle - ästhetischer Art, lässt uns wachsen ... ansonsten säßen wir noch in der Höhle. Als einer der Väter der Moderne gilt auch Paul Cezanne (www.cezanne.com), der ebenfalls seine Wurzeln im Impressionismus hat und dessen Bildstrukturierung auf Künstler wie Gauguin, Picasso oder Matisse großen Einfluß nahm. Doch war auch Cezanne zu Lebzeiten von den Kritikern verrufen; er wurde eher von Künstlerkollegen gesammelt und war somit der Künstler für die Künstler.

Konsens: Ohne Monet und Kollegen würden wir von unserer Welt weniger wahrnehmen!

Um die Kunstgeschichte in diesem Aufsatz nicht überzustrapazieren, werde ich folgende Meilensteine der Entwicklung moderner Kunst nur stichwortartig anführen. Mehr zu den jeweiligen Künstlern und Epochen finden Sie unter den angegebenen web-Adressen.

Expressionismus

Der bekannteste Vertreter des Expressionismus ist wohl Vincent van Gogh (www.vangoghmuseum.nl), den man auch aufgrund seiner Selbstverstümmelung am Ohr kennt. Van Gogh war es nicht möglich, zeitlebens Anerkennung zu finden oder seine Werke zu verkaufen. Van Goghs Leben gilt als Paradebeispiel für ein erfolgloses Künstlerleben (der sogenannte “van Gogh-Fehler”). Seine Arbeiten gehören heute zu den teuersten Kunstwerken der Welt (siehe dazu auch obigen Text von Professor Otto Neumaier, Universität Salzburg/Philosophie, in dem stark verdeutlicht wird, dass das ökonomische Interesse an Kunst oft mit reinem Kunst-interesse verwechselt wird).

Abstraktion

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts begann Wassily Kandinsky, die formalen Inhalte seiner Bilder zu abstrahieren, sprich: Klaviere und jegliche andere gegenständliche Objekte wurden grafisch in Flächen, Drei- und Vierecke, Kreise und Striche zerlegt.

(www.dhm.de/lemo/html/biografien/KandinskyWassily/)

Ready Mades

Um 1915 setzte Marcel Duchamps mit seinen sogenannten Readymades (die "schon-fertigen") einen neuen Meilenstein in der Entwicklung moderner und zunehmend unverständlicherer Kunst (www.peak.org/~dadaist/English/Graphics/ duchamp.html). Er wagte es, fertige Gegenstände wie zum Beispiel einen Aschen-becher oder einen Flaschenhalter zu signieren, mit einem Titel zu versehen, und unverändert auszustellen. Zu dieser Zeit wurden auch erstmals von Kasimir Male-witsch reinweisse oder schwarze Leinwände ausgestellt (www.weltchronik.de/bio/ cethegus/m/malewitsch.html). Die Frage WAS IST KUNST, IST DAS NOCH KUNST, stellte sich natürlich nun immer häufiger ... auch heute noch finden Kunstwerke dieser Art oft kein oder wenig Verständnis. Die Readymades wurden später, zu Zeiten der Pop-Art (in den 50er/60er/70er-Jahren des letzten Jahrhunderts), wieder aufgegriffen, z.B. von Andy Warhol (www.warholfoundation.org). Dieser stellte eine unbearbeitete Campbell-Suppendose erhaben auf einem Sockel aus. Ich werde ver-suchen, diese Herangehensweisen an Kunst in Teil 3 dieses Thesenblatts (KOMMT KUNST VON KÖNNEN) plausibler zu machen.

Jugendstil / Kubismus / Surrealismus usw.

Schlag auf Schlag entwickelten sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nun neue Stilrichtungen und Techniken, der Kreativität waren scheinbar keine Grenzen mehr gesetzt. Malerei, Collage, Objektkunst flossen ineinander. Pablo Picasso (www.picasso.fr) galt als das Wunderkind dieser Zeit, das schon mit 15 Jahren die Fähigkeit der großen Meister hatte gegenständlich realistisch abzubilden. Auch er entfernte sich bald von der realistischen Malerei und entwickelte (unter anderem) den Kubismus.

Abstrakter Expressionismus

Zu einer Zeit, als in der Kunst stilistisch und technisch alles gesagt und versucht schien, als wieder ein Stillstand in der Befreiung und Entwicklung der Kunst zu befürchten war, erschien der Amerikaner Jackson Pollock auf der Bildfläche, ein getriebener, schier besessener Künstler auf der Suche nach Neuem ... für mich persönlich die wichtigste Künstlerpersönlichkeit in Bezug auf Befreiung der Kunst von auferlegten Zwängen. Es fällt auf, dass vor Pollock alle Kunstwerke immer noch Bezug zum Gegenstand hatten. Wenn Monet seine Seerosen auch verklärte, ver-schwommen darstellte: Es waren Seerosen. Wenn Kandinsky oder Miro ihre Vögel auch in Dreiecke und Striche aufspalteten: Es waren Vögel. Picassos kubistische Frauen waren und blieben Frauen und Duchamps´ Flaschenhalter war sowieso "nur" ein Flaschenhalter. Um 1947 begann Jackson Pollock aber, große Leinwände mit Farbe zu bespritzen, zu beträufeln, zu betropfen, zu beschütten ... völlig vom Gegen-stand losgelöst, ohne jeglichen Bezug zu realistischer oder gegenständlicher Dar-stellung öffnete er die Tore für ein neues Zeitalter und gab durch den “gewollten Zufall” sozusagen die Kunst völlig frei. Nun gab es keine Grenzen mehr. Hier stellt sich gern der Satz ein: DAS KANN DOCH JEDER! Auch dazu möchte ich mich später, unter dem Punkt KOMMT KUNST VON KÖNNEN, äußern, denn erstens stimmt´s nicht, und zweitens wär´s egal ... (www.ibiblio.org/wm/paint/auth/pollock/).

Jeder ist ein Künstler

Was in den darauffolgenden Jahrzehnten folgte, ist hinreichend bekannt. Eine Fülle von Ideen überschwemmte den Kunstmarkt. Von Galerieseite her wollte man den van Gogh-Fehler nicht mehr machen. Das praktische und technische Können der Künstler stand nicht mehr im Vordergrund, auch stilistisch schien alles gesagt, und die originäre IDEE, die inhaltliche BEDEUTUNG, der INHALT AN SICH traten in den Vordergrund. Popart, Landart, Rauminstallation, Konzeptionen, multimedial über-greifende Kunstrichtungen schossen aus dem Boden wie Pilze. Die “reine Be-trachtung” eines großen Teils heutiger Werke reicht (zum Glück) nicht mehr aus, man muß sich mit Inhalten auseinandersetzen. Nach einer solchen Auseinander-setzung mit dem jeweiligen Inhalt darf man sich dann auch erlauben, sich zum Kunstwerk zu äussern. Joseph Beuys (www.beuys.de) setzte 1964 einen großen Fettblock auf einen Stuhl und stellte das Werk aus. Der Fettstuhl steht heute im Museum. Ist das noch Kunst? Weiß man allgemein, warum Beuys Fett verwendete? Kennt man die Ideen, die dahinterstecken? Wollte Beuys vielleicht aufzeigen, dass in der Kunst alles gesagt sei? Ist der von ihm geprägt Satz JEDER IST EIN KÜNST-LER, korrekt? Hat er ihn überhaupt so gemeint, wie es heute aufgefasst wird?

Die Auseinandersetzung mit zeitgenössischen Bildern, Objekten, Installationen, usw., hinter denen originäre Ideen stecken und die sich mit schwierigen oder problematischen Inhalten auseinandersetzen, ist natürlich wesentlich aufwendiger, als die pure Betrachtung der realistischen Darstellung eines "schön" gemalten Untersbergs. Darum muß man mit den allerersten Emotionen und Gedanken, die sich bei Betrachtung eines Kunstwerkes aufdrängen, im Zaum halten, insbesondere, wenn es sich um solche Emotionen wie Wut, Zorn, Aggression, Unverständnis, Hilflosigkeit, etc. handelt, denn: Möglicherweise war genau dies die Intention des Künstlers ... uns auf etwas aufmerksam zu machen, das tief in uns schlummert und das einen Auslöser zur Befreiung suchte.

Hiezu 3 Beispiele, die vor nicht allzulanger Zeit die Gemüter erregten:

1) Hermann Nitsch veranstaltet in seinem Schloss Prozessionen, bei denen Tiere geschlachtet werden.

2) Vor dem Festspielhaus in Salzburg wird im Sommer 2003 ein Wasser urinieren-des Männchen ausgestellt, das sich selbst in den Mund pinkelt (Verzeihung, ich muß schon wieder lachen ...).

3) Der Künstler Marco Evaristti stellt in einem Museum für Bildende Kunst in Dänemark lebende Goldfische in am Stromkreis angeschlossenen Moulinex-Mixern aus.

Ich werde mich zu diesen Themen weder positiv noch negativ äussern, nur auf fol-gende faktischen Dinge aufmerksam machen:

ad 1) Ich persönlich habe tagtäglich fast rund um die Uhr mit Kunst in ver-schiedenster Art und Weise zu tun, es ist also meine Profession und mein Lebensin- und -unterhalt; ich muß mich auch ständig mit der aktuellen Kunstwelt beschäftigen, so, wie auch ein guter Arzt seiner Zeit gemäß up-to-date, am neuesten Stand, sein sollte. Ich lebe und denke Kunst. Ich, der also ständig mit der Materie zu tun hat, traue mich aber NICHT, über die Arbeit Nitschs zu urteilen. Die Prozessionen finden in seinen eigenen Gemäuern statt und sind legal. Uraltes kulturelles und traditio-nelles, überliefertes Gut wird in Form einer Theateraufführung vermittelt, zwei Stiere werden fachgerecht von Fachkräften geschlachtet (auch bei Theater-Aufführungen wird gestorben, und zwar oft viel grausamer ... oh jaja, die Stiere sterben wirklich, die Shakespeare-Akteure nicht, aber: die Stiere sind Schlachtvieh, die zu diesem Zeitpunkt ohnedies - für unseren Verzehr - geschlachtet worden wären, die Schlach-tung der Tiere - eingebunden in diese Zeremonie - erfolgt tatsächlich respektvoller als die Schlachtung im Schlachthof, das Fleisch der Tiere wird verwertet, das Blut wird - wie das bei Zeremonien dieser Art der Fall war - als heiliger Lebenssaft be-handelt). Das ganze ist ein Theaterstück mit großem Aufwand, großer Vorbereitung, großer Recherche, viel Arbeit und Liebe zum Detail. Klingt gut ... Ich selbst habe es nicht gesehen und weiß deshalb zu wenig darüber ... aus diesem Grund erlaube ich mir auch kein Urteil. Ich müsste mehr darüber wissen, um mich aktiv an einer Pro-Kontra-Diskussion zu beteiligen. Und doch weiß ich wahrscheinlich ein Vielfaches mehr dazu zu sagen, als jene “Kritiker”, die gedankenlos - ohne mit den Inhalten und Hintergründen dieser Aktion vertraut zu sein - ihre Schmähschriften der Kronezeitung anvertrauten. Und möglicherweise drehte sich beim Einen oder Anderen dieser Leute am selben Wochenende ein Spanferkel am Spieß. Ich möchte nur darauf aufmerksam machen, dass man sich - ohne besseres inhaltliches Wissen - zu einem Thema auch nicht äussern darf und vor allem ... kann!

ad 2) Der urinierende Phallus in der Stadt Salzburg 2003. Vor dem Festspielhaus! Unter der Festung (hihi)! Was für ein Eklat! Ein Eklat, der aber nur mehr bei uns möglich war: Im Jahr 1992 war ich im Whitney-Museum in New York. Das Museum hatte eine Ausstellung für zeitgenössische Künstler mit folgender Aufgabenstellung organisiert: Die Darstellung von Gewalt und Pornografie in unserer Zeit. Das Entrée im Whitney war folgendermaßen gestaltet: In etwa drei Metern Höhe war eine nackte, lebensecht wirkende Frau mit einem riesigen Nagel durch den Bauchnabel hindurch an die Wand genagelt. Aus ihrer Scheide hing die Nabelschnur und an dieser noch-hängend lag am Boden mit dem Gesicht nach unten in einer Blutlache ein totes Baby. Im nächsten Raum wurden 2 x 3 Meter große Fotografien der Geschlechtsteile männlicher und weiblicher verwesender Wasserleichen gezeigt. Im nächsten Raum, hinter dicken, nach Rauch und Alkohol stinkenden Filzvorhängen, waren überall blutige Fleischstücke montiert und aus den Lautsprechern hörte man Geräusche, als ob jemand gerade ein Baby vergewaltigen würde. Dies war nur das Entrée und es ging auf mehreren Stockwerken so weiter. Flau, sag ich Euch, flau war mir da ... Und jetzt hatten wir doch glatt ein urinierendes Plastillinmännchen in Salzburg. Um Himmels willen! Ich lach´ schon wieder ... Die 90er Jahre waren Jahre, in denen es in der Kunst vermehrt um Schockwirkung ging: Gewalt, Aggression, Sex, Pornografie. Doch auch dieses Thema hat sich nun überreizt, was sollte man auf die von mir beschriebene Szenerie in NY/NY noch draufsetzen? Ein urinierendes Plas-tillinmännchen? Also, so sehr ich hier gerade versuche, objektiv zu bleiben, aber das hätte anderswo niemanden mehr gekratzt. Die Wirkung auf die Kinder? Ich behaupte mal - aus meinem amateurhaften psychologischen Verständnis heraus - dass es einem Kind nicht geschadet hätte, wenn zum Beispiel die Eltern mit ihm lachend an diesem Kunstobjekt vorbeigegangen wären. Andererseits hätte ein Mädchen, dem ein hysterischer Elternteil in Panik die Augen zuhält ("Schau um Himmels willen dort nicht hin!") möglicherweise zeitlebens eine Penisphobie abbekommen, eine psy-chische Störung, die ihr kein normales Sexualleben mehr erlaubt. Aber nicht des Kunstwerks wegen, sondern wegen der Reaktion der Eltern! Solche Dinge hängen viel weniger vom Werk (Bild, Objekt, Film, Spiel, etc.) selbst ab, als vom Umgang der Erzieher mit der Situation. Das Männeken Pis in Brüssel kratzt ja auch keinen. Warum? Weil´s nicht erregt ist? Weil hier andere Ausmaße im Raum "stehen"? Also bitte, das sind ja nur die Interpretationen erwachsener Gehirne. Kinder denken sich da nix ... oder bei beiden Fällen wahrscheinlich das Gleiche. Aber überlassen wir das Psychologisieren lieber den Experten ...

ad 3) Der Künstler Marco Evaristti stellte in einem Museum für Bildende Kunst (in Dänemark) lebende Goldfische in am Stromkreis angeschlossenen Moulinex-Mixern aus. Wie kontroversiell derlei Themenbereiche sind und wie viel mehr hinter solchen Ideen steckt, als man ad hoc vermutet, läßt sich in einem Interview mit Evaristti in der Zeitschrift KUNSTFORUM nachlesen. Wie in jedem Museum war das Berühren der Kunstwerke verboten. Der Anschluß an den Stromkreis war sozusagen ein “Spiel mit dem Tod”, aber auch mit dem Publikum. Als sich allerdings der Volltrottel unter den Besuchern fand, der auf den Knopf drückte und einen Fisch faschierte, hatte man den notwendigen Skandal auch schon, der natürlich umso mehr Aufmerk-samkeit für Evaristtis Arbeit produzierte.

Warum aber finden sich in der Kunst immer wieder so "schlimme" Dinge, wie oben erwähnt im Whitney-Museum? Ist das Kunst? Hat das Platz in der Kunst? Warum nicht ein schönes Untersberg-Aquarell mit mauvem Sonnenuntergang?

Warum?

Weil es a) diese schlimmen Dinge in unserer realen Welt auch gibt, und weil b) Kunst und Schönheit (schön) zwei verschiedene Dinge sind, die nur eine gemeinsame Schnittmenge haben (wie auch die Kunst und die Häßlichkeit verschiedene Dinge sind, aber auch eine gemeinsame Schnittmenge haben). Wenn Kunst und Schönheit das Gleiche wären, gäbe es nicht zwei Worte dafür. Es gibt schöne Dinge, die nicht Kunst sind, häßliche Dinge, die Kunst sind, und umgekehrt. Doch dazu später unter dem Punkt KOMMT KUNST VON KÖNNEN(?).

P.S.: Zum Phallus noch eine Kritik von mir selbst (auch, wenn ich selbst das Werk vollkommen harmlos finde) die aber angebracht ist und an die Öffentlichkeit gehört: Dem Salzburger Phallus und der dafür zeichnenden Künstlergruppe ist der not-wendige Respekt, der in der Kunst für Originalität und kreative Idee zu zollen ist, leider verwehrt. Es handelt sich hier nicht um eine originäre Idee. Die Idee des sogenannten "Arc de Triomphe" (sogar mit demselben Namen!!!) findet man bereits Jahre vorher in Walter Moers´ grandiosem Comicwerk "Schöner Leben mit dem kleinen Arschloch..." . Dass die Idee übernommen wurde (in diesem Fall "abgekupfert") hätte von Seiten der Macher publik gemacht werden müssen, z.B. als Hommage an Moers. So ist die ganze Geschichte höchstens lauwarm (und alles andere als heiß, wie in den Medien vermittelt wurde) ...

Abschliessend ist zu diesem Punkt KUNSTGESCHICHTLICHES zu sagen: Ob es nun Monets verschwommene Seerosenbilder sind (Sie wissen schon, die auf den Damenbindenschachteln), Picassos Kubus-Damen, Warhols Suppendose oder Walter Moers´ “Kleines Arschloch mit dem Goldhelm” (brav als Hommage gekennzeichnet): Wasimmer sie bei uns auslösen, diese modernen Kunstobjekte mit ihren neuen Formen und Ideen, Freude oder Abneigung ... sie erweitern unseren Horizont und unseren Wahrnehmungsapparatus, sie erweitern unser Wissen über die Welt und über uns selbst, in großen oder kleinen Schritten.

So. Habe ich Sie bisher mit Binsenweisheiten gequält? Oder mich völlig verirrt? Kann ein urinierender Phallus meinen Horizont erweitern? Logik und Philosophie in der Kunst ... aber wo denn?! Schreiben Sie´s auf meiner website ins Gästebuch! Aber geben Sie mir bitte noch eine Chance ...

2) KUNST UND SUBJEKTIVITÄT

Subjektivität, also subjektives Empfinden und subjektive Äusserung, hat in der Auseinandersetzung mit Kunst nichts zu suchen. Punkt. Aus. So einfach ist das. Nächster Punkt!

Tja, wenn´s so einfach wäre ... dieser Punkt agiert im Skriptum nun sozusagen als Puffer zwischen Teil 1. Kunstgeschichte, und Teil 3. Philosophie.

SUBJEKTIVITÄT

Tatsächlich finden die meisten "vermeintlich objektiven" Gespräche auf einer subjek-tiven Ebene statt. Subjektivität, was ist das überhaupt? Was versteht man darunter und was fällt darunter?

Lexikon:

Subjektivität, die : persönliche Auffassung; Vorherrschen persönlich gefärbter Urteile.

Das sagt eigentlich schon sehr viel aus: Das Vorherrschen persönlich gefärbter Urteile.

Jetzt stellen Sie sich mal einen riesigen Käse vor, wirklich riesig. Nein, größer. Noch größer! Ok! Und auf und in diesem Käse leben Maden. Viele Maden. Sehr viele. Nein, noch mehr. So. Und jede dieser Maden frisst sich zeitlebens quer durch diesen Käse durch. Frisst sich ihr eigenes Loch - nennen wir das Loch mal Realitätstunnel. Manchmal kreuzen sich die Tunnel und eine Made schaut in den Tunnel einer anderen Made rein, manchmal robbt eine Made staunend durch den Tunnel einer anderen Made, manchmal gehen zwei oder mehr Maden denselben Tunnel, oder fressen gemeinsam einen breiteren Tunnel, trennen sich wieder. Wenn sich zwei oder mehr Maden treffen, dann erzählen sie sich gerne von ihren Erlebnissen, die sie auf dem großen Käse hatten und die anderen Maden staunen. Manchmal erzählen sie sich auch davon, wie der Käse beschaffen ist, wie groß er ist, wie er schmeckt, wie fest, wie weich, wie schön, wie hässlich, wie er riecht und so weiter. Das ist der Punkt, an dem die Maden dann gern zu streiten beginnen, denn a) gibt es philo-sophisch veranlagte Maden, Denkermaden, aber auch solche, die nur Spaß haben wollen, es gibt politische und sakrale Maden, sportliche und faule, gläubige, atheis-tische und agnostische, es gibt Maden, die komisch reden und ausserdem gibts bunte Maden - und jede Made denkt anders, weil Mama oder Papa Made, oder auch der Madenprofessor oder Madenpfarrer, ihnen ganz verschiedene Dinge erzählt haben und weil der große Käse manchen schmeckt und manchen nicht (manchmal kann man die Maden bei ihren Streitgesprächen zu fortgeschrittener Stunde sogar beobachten, in der ZIB2 zum Beispiel). b) Zweitens haben alle Maden in ihren unter-schiedlichen Realitätstunneln ganz verschiedene Erfahrungen gemacht und sich zusätzlich alle noch selbst ihren Teil dazu gedacht. Auf diesem Weg hat also i) jede einzelne Made ihre ganz persönlichen Erfahrungen gemacht, zu denen sie ii) sich zusätzlich ihre ganz persönlichen Gedanken gemacht hat, die noch iii) zusätzlich von den Ideen anderer Maden eingefärbt wurden ... und das Resultat ist, dass jede Made eine vollkommen eigene Meinung über den großen Käse hat, auf dem sie lebt: Eine Meinung, die von den Meinungen der meisten anderen Maden in irgendeiner Form - mehr oder weniger (meist mehr) - abweicht. Jede Made sieht den Käse anders (Der Wissenschaftsphilosoph Robert Anton Wilson sagt sehr schön: "Wasimmer Du glaubst, schränkt Dich ein!" ).

Natürlich nennen wir die Maden jetzt Menschen und den Käse nennen wir Welt und haben somit den Ist-Zustand erreicht.

Die Philosophie versucht in all´ ihren Bereichen, sich keinen engen, begrenzten Realitätstunnel in den "Käse" zu bohren, sondern sich im besten Fall ausserhalb des Käses zu positionieren, ihn von oben zu betrachten und vielleicht auch noch komplett zu durchleuchten, sprich: Sie versucht, bei Fragestellungen Antworten zu finden, die für alle "Maden" gleichermaßen gültig sind. Geht das? Ja, umso logischer die Verfah-rensweise, umso besser die Ergebnisse. Leider sind allgemeine, für alle Menschen gleichermaßen gültige Aussagen meist sehr einfache Wahrheiten, aber ich möchte kurz verdeutlichen, warum es wichtig ist, beim kleinsten Nenner zu beginnen:

Mathematik ist die Grundlage der Naturwissenschaften, Logik ist die Grundlage der Geisteswissenschaften. Naturwissenschaften und Philosophie haben heute eine sehr enge Zusammenarbeit, da ein Miteinander für eine sinnvolle Weiterentwicklung der Menschheit unumgänglich ist. Kein Mediziner (Naturwissenschaft) da draussen, der sich nicht mit Ethik (Philosophie) auseinandersetzen muß, usw. ...

Naturwissenschaften:

Grundlage Mathematik. Die Kardinalswissenschaft der Naturwissenschaften ist die Physik, gefolgt von Chemie, Biologie, Psychologie (Astronomie, etc.). Allen zugrunde liegt die Mathematik, die die Basis bildet. Kein Physiker oder Astronom, der nicht ein guter Mathematiker sein muß. In der Schule geniessen wir von Anfang an eine mathematische Ausbildung, erst heisst´s Rechnen, dann Mathematik ... Geometrie, Arithmetik ... Und hier - in unserer uns real umgebenden Welt - müssen wir dann ständig rechnen. Eigentlich dauernd sogar, ohne dass es uns noch auffällt: Supermarkt, Einkauf, Benzin, sind alle Kinder da (?) eins-zwei-drei, 16 Töpfe Pelargonien bitte, mitzählen, passt, jeder Topf EUR 1,90 macht circa 30 Euro. Unsere mathematische Ausbildung erlaubt uns, dass wir uns durch eine Welt der Zahlen bewegen. Wer sich dafür entscheidet, Naturwissenschaftler oder Buchhalter zu werden, braucht die Mathematik umso mehr. Was aber ist der Grund, dass wir 1,90 mal 16 rechnen können? Der Grund ist, dass wir ein mathematisches Verständnis aufgebaut haben, das bei 1 + 1 = 2 begonnen hat, also beim einfachsten Baustein. 1 + 1 = 2 ist uns heute zum Denken zu simpel. Aber nur, weil wir diesen ersten Baustein irgendwann einmal begriffen haben (verinnerlicht haben), können wir heute größere Aufgaben lösen. Er war also NOTWENDIG!

Geisteswissenschaften:

Grundlage Logik. Leider haben wir in der Schule keine Logikstunde, daher lernen wir auch kein "logisches Einmaleins" und daher kommt es bei Diskussionen und Konfrontationen oft zu tatsächlich unlogischen Auseinandersetzungen. Das Studium der Philosophie setzt ein Logikstudium voraus, sprich Aussagenlogik, Prädikaten-logik, Spezielle Logik. Und so, wie es in der Mathematik einfache Basisrechnungen wie 1 + 1 = 2 gibt, so gibt es in der Logik ganz einfache Sätze, auf die unsere Sprache (und somit auch unser Denken) aufbaut. In der Mathematik kennen wir vor allem das Plus, das Minus, die Multiplikation, die Division und die Prozente. In der Logik heissen die wichtigsten Basisfunktionen Und, Oder, Negation, Wenn dann, Genau dann wenn, Notwendig und Möglich. Ein einfacher Satz in der Logik wäre zum Beispiel, dass A und nonA nicht zur selben Zeit möglich ist, sprich: Ich kann nicht zur selben Zeit einen Hut und keinen Hut tragen. Mann, jetzt bin ich aber gescheiter, werden Sie denken und ich werde Sie auch nicht weiter mit so simplen Dingen quälen. Tatsache ist aber, dass sich aufgrund mangelnden logischen Verständnisses in unsere Sprache ständig unbewusste Fehler einschleichen ... in die Dinge, die wir sagen (und Sprache ist nunmal der Logik unterworfen). Das Basis-Einmaleins fehlt. Wenn wir also von unseren privaten, subjektiven Erfahrungen in unserer "privaten" Sprache vom großen Käse sprechen, stoßen wir sehr schnell auf Ablehnung von der "Made", die uns gerade gegenüber sitzt, da sie das entweder in ihrer Sprache anders formuliert hätte, oder mehr oder weniger bewusst merkt, dass da "was nicht ganz stimmen kann", eben "unlogisch" ist. Würden wir versuchen, uns ständig "glasklar" auszudrücken (und nicht "schlammig"), wäre der Austausch mit unseren Mitmenschen viel leichter. Allerdings ist das sehr schwierig.

Hier vorweg ein simples Beispiel für einen naturwissenschaftlichen Aussage-Satz:

a) Metall ist schwerer als Wasser.

Dieser Satz klingt gut und wird grundsätzlich auf Zustimmung stoßen, ist aber falsch, weil nicht alle Metalle schwerer sind als Wasser. Kalium schwimmt.

Zweiter Versuch:

b) Die meisten Metalle sind schwerer als Wasser.

Klingt schon besser, aber wer weiß denn das? Wir kennen eine bestimmte Anzahl von Metallen, mag es auf diesem Planeten noch viele unentdeckte geben (und im Universum noch schier unendlich viele mehr).

Dritter Versuch:

c) Die meisten Metalle, die wir kennen, sind schwerer als Wasser.

Korrekt.

Wenn also die korrekte Kommunikation schon im tagtäglichen naturwissen-schaftlichen Bereich so schwierig ist, wieviel schwieriger muß es dann erst sein, wenn wir über unsere Emotionen, Eindrücke, Empfindungen, Einbildungen, Ideen sprechen wollen, die sich aus unserer Erfahrung mit der Aussenwelt in unserer Innenwelt ergeben? Jeder empfindet anders, denkt anders, wurde anders erzogen und SPRICHT ANDERS. Wir verwenden zwar schon dieselbe Sprache, aber sehr individuell und schlecht. Nun sollte man also schon in faktischen Bereichen wie obigem Metall-Beispiel die Sprache diffiziler verwenden, als wir es tun, dann noch mehr, wenn es um subjektive Empfindungen und Anschauungen geht, und ganz schlimm wirds bei einem so empfindlichen Thema wie z.B. "Moderne Kunst". Wir haben gesehen, dass man objektive Aussagen über Kunst machen kann, und zwar kunstgeschichtliche, insbesondere naturwissenschaftliche (Leinwand, 1m80 mal 1m40). Das ist simpel. Aber kann man auch philosophische Aussagen zum Thema WAS IST KUNST machen, die für alle Rezipienten als gegeben akzeptabel sind? Wir werden später in Punkt 3 sehen, ob sowas möglich ist ...

Aber schauen wir zuerst mal, wie negativ sich subjektive Aussagen bezüglich Kunst auswirken.

Subjektive Aussagen zur Kunst

Was wären also solche subjektiven Aussagen zum Thema KUNST, von denen ich gleich eingangs in diesem Aufsatz behauptet habe, sie hätten in einem Kunst-gespräch nichts verloren? Hier ein paar Beispiele

* Das Bild (das Werk, die Arbeit) ist schön.

* Das Bild ist hässlich.

* Das Bild ist gut.

* Das Bild ist schlecht.

Diese Sätze haben überhaupt keine Aussagekraft über die betreffende Kunst. Es sind unüberlegte Sätze, denn z.B. der Satz DAS BILD IST HÄSSLICH würde bedeuten, dass es für jeden Betrachter auf dieser Welt hässlich sein muß. Was aber für den Einen häßlich ist, mag für den Anderen schön sein, was für den Einen gut ist (oder was dem Einen gut tut), mag für den Anderen schlecht sein. Dies gilt natürlich auch für ganz andere Lebensbereiche und Themata. Wenn ich z.B. nochmals den Vergleich mit dem Bäcker bemühen darf: Wenn eine Person behauptet, dieses glutenfreie Brot sei hervorragend und eine andere Person vom selben Brot sagt, es sei furchtbar grausig, wer hat dann Recht? Beide Sätze stehen im Raum. Natürlich, werden Sie jetzt sagen, dem Einen schmeckts und dem Anderen nicht, darum. Ja, und dafür kann er ja gerne sagen: Mir schmeckts oder mir schmeckts nicht. Das wäre auch okay. Das ist aber nicht das, was gesagt wurde, denn: Wenn mir die eine Person sagt, dass das Brot grausig IST (also “universalisiert” = “für alle gültig”), ich dieses Brot nicht gekostet habe, ich dann nach Hause fahre und meiner ganzen Familie die Botschaft weitertrage, dass das Brot grausig sei, dann habe ich definitiv falsche Kunde in die Welt getragen (weil vielleicht einige Personen meiner Familie das Brot lieben würden). Richtig wäre der Satz dann so: Die Person X findet das Brot grausig. Das hört sich sehr simpel an und ist auch ein simples Beispiel, aber es passiert den ganzen Tag, ununterbrochen, überall, in allen Lebensbereichen. Diese kleinen "Sprach-" oder "Denkfehler" sind unsere ständigen Begleiter und der tägliche Herd für Streit, Aggression, Mißverständnis, Krieg, etc. ...

Man kann also einen Aussagesatz, der generalisiert (DAS BROT IST GRAUSIG), nicht für die sinnvolle Aussage subjektiven Empfindens verwenden. Dies würde sonst voraussetzen, dass er - logischerweise - für alle Menschen gültig ist. Das wäre eine subjektive Aussage, die man zusätzlich als objektiv verkleidet allen anderen noch aufhalsen will. Wie müssten die obigen Sätze also richtig klingen?

* Mir gefällt das Bild (das Werk, die Arbeit). (Oder auch: Ich finde das Bild schön!)

* Mir gefällt das Bild nicht.

* Ich finde das Bild gut.

* Ich finde das Bild schlecht.

Schon besser. Dies sind konkrete subjektive Aussagen ... ich weiß, daß das Bild dem, der den Satz gesagt hat, gefällt (oder nicht) und er belastet mich nicht mit einer Aussage wie oben (Das Bild ist schön), weil ich selbst es ja vielleicht grauenhaft finde.

Beim Bäcker würde auch kein Streit darüber entstehen, ob das Brot nun gut ist oder grausig. Aha, Ihnen schmeckts also nicht? Soso. Hm. Mir schon! Kein Problem.

Aber sind das jetzt Sätze, die in einem Gespräch über Kunst etwas verloren haben? Sorry: Nein. Naja. Irgendwie. So halb halt. Oder? Nein, eigentlich wirklich nicht. Das Kunstgespräch wäre ja im selben Moment aus: Aha, das Bild gefällt Ihnen? Soso. Hm. Ja, wiederschauen dann ... Verständlich, oder? Die Information ist einfach nicht besonders interessant. Vielleicht interessiert mich ja noch, ob das Bild meinem Mit-bewohner gefällt, wenn wir es kaufen und im selben Wohnbereich aufhängen wollen. Aber ob es jemand anderem gefällt oder mißfällt, in Wien, in Prag, in Neuseeland, in der Antarktis? 6 Milliarden Menschen. Lauter unterschiedliche Meinungen. Ziemlich egal, oder? Tatsächlich befindet man sich mit einer solchen Aussage weniger in einem Gespräch über Kunst, als in einem Gespräch über die eigene Psyche. Es ist ein psychologisches Gespräch, da ich mit dem Satz DAS BILD GEFÄLLT MIR nur ausdrücke, was in mir, in meinem Kopf gerade vorgeht, also in meinem persönlichen Empfinden, nichts aber über das Kunstwerk an sich aussage. Dies wird mitunter die Psychologen interessieren, oder auch einen guten Freund, aber nicht einen Aussen-stehenden, der gerne ernsthaft über das Kunstwerk diskutieren möchte. Es hätte sozusagen nur oberflächlich mit Kunst zu tun, mit der momentanen Wirkung des Werkes auf mich, und das Gespräch wäre - wie gesagt - wahrscheinlich nach diesem Satz beendet (Dies ist sogar sehr oft der Fall. Die Gesprächspartner können mangels Erfahrung nicht tiefer in die Materie vordringen, nippen an ihrem Prosecco und reden über alles denkbar andere weiter, nur nicht über die Kunstwerke eben der Vernissage, auf der sie sich gerade befinden. Sie haben sich mit MIR GEFÄLLT DAS BILD und MIR AUCH ja eh alles gesagt ...). In einem ernsthafte Kunstgespräch würde man sich aber z.B. über folgende Dinge austauschen: In welcher Technik wurde das Bild erstellt, mit welchen Materialien wurde gearbeitet? Gibt es - was Technik, Material, Stil, Form betrifft - Neuerungen? Wo hat der Künstler seine Wurzeln in der Kunstgeschichte, worauf bezieht er sich? Was hat der Künstler intentiert? Hat das Werk eine Aussage oder will es nur ästhetisch wirken? Gibt es Vergleiche? Erscheint es ästhetisch gelungen oder mißlungen (das ist so eine Frage, die sich stark am Rande der Subjektivität bewegt, aber aus verschiedenen Gründen noch akzeptabel ist ...)? Gibt es eine spezielle Aussage? Ist der Künstler als Künstler X mit seiner Arbeit wieder-erkennbar? Handelt es sich um eine originäre Idee, etwas Neues? Steht der Künstler selbst im Mittelpunkt oder seine Kunst? Ich könnte hier endlos weiterfragen. Aus diesem Grund sucht man hier auch nach den genannten intersubjektiven Kriterien - so logisch wie möglich - denn je logischer wir uns sprachlich formulieren (Sprachaufbau unterliegt der Logik), um so sinnvoller ist die Verständigung ... ansonsten bliebe es rein bei sprachlichem Austausch über unser subjektives Empfinden ( ... uuurrrghhh, Banane gut ... ). Doch mehr dazu später unter Punkt 3.

Das Schlimmste, das Sie einem Künstler zu seiner Arbeit sagen können (ausser, sie/er ist noch sehr unerfahren), wäre “DIE BILDER SIND TOTAL SCHÖN”, und dann schauen Sie ihm strahlend in die Augen und warten auf eine Antwort. Das ist meist ein sehr peinlicher Moment, weil der Künstler dann zum Herumdrucksen beginnt und JA, DANKE murmelt und sich wahrscheinlich wieder schnell abseilt (ausser, er malt Sonnenuntergänge in Jesolo oder aquarellierte Landschaften ... da kann man dann nämlich leider auch nicht viel mehr dazu sagen). Mit einer Frage nach den Inhalten der Arbeit, was die Grundidee war, was er damit bewirken wollte, liegt man da besser. Da sprudelt die Information dann frei raus, denn meist geht es bei Kunst heutzutage um Inhalte, um Themen, um Problemaufarbeitung oder -darstellung, und weniger darum, nur "schön" zu sein oder nur "zu gefallen". Als ich 1999 in der eindrucksvollen Schlossgalerie Mondsee ausstellte, habe ich abstrakte, reduzierte Bilder auf Gewürzsäcken zwischen den Rundbögen quadratisch und rautenförmig so angeordnet, dass sie die Fassade des Mailänder Doms imitierten. Da mich niemand nach speziellen Inhalten fragte und mir nur gesagt wurde, wie schön die Ausstellung sei, wußte das leider bis heute auch keiner.

Lesen Sie hiezu eine meiner Kurzgeschichten zur Entstehung dieser Gewürzsack-Arbeiten, mit der ich vor einigen Jahren Preisträger bei den Salzburger Kultur-Fonds war. Die Geschichte soll das subjektive Empfinden des Künstlers bei seiner Arbeit spiegeln, "verwoben" mit philosophischen Gedanken. Sie finden die Geschichte mit dem Titel GERALD HERRMANN: DIE ÄSTHETISCHE RELEVANZ VON GEWÜRZSÄCKEN ebenfalls unter TEXTS auf meiner website!

Zurück zum Text:

Die Zeit der Auseinandersetzung mit gegenständlichen, realen Darstellung von Land-schaften, Pferden, Sonnenuntergängen ist vorbei. Sie ist auch zurecht vorbei, weil diesbezüglich alles probiert und ausgereizt wurde, alles gesagt ist. Würde sich die moderne Kunst mit diesen Bereichen noch beschäftigen, würde das nichts als Stagnation bedeuten, Stillstand. Ohne Fortschritt in den Bereichen der Naturwissen-schaften, der Philosophie und der Kunst säßen wir noch in der Höhle. Andererseits gibt es die Landschaftsmalerei und dergleichen immer noch, und auch zurecht, denn es betrifft einen Bereich in der Kunst, der sich mit dem Bereich des Schönen schneidet und für den immer Nachfrage besteht ... nur darf diese Form der Kunst keine große Aufmerksamkeit mehr erwarten (man hängt sie halt übers Sofa, bestenfalls farblich adäquat) ... es ist wie bei alten Autos, die noch ihre Liebhaber haben (und immer haben werden), die gepflegt werden, die manchmal sogar eine Neuauflage erfahren.

was ist kunst?